Das Orm ist weg!


31. Januar 2012 um 12:22

Hildegunst von Mythenmetz‘ Reisebericht über seinen zweiten Besuch in Buchhaim ist nun erstmals in der deutschen Übersetzung erhältlich und gibt auch dem deutschen Leser Einblicke in die Ereignisse jenes Wiedersehens mit der Stadt der träumenden Bücher. Vielleicht hätte Mythenmetz mit seinem zweiten Besuch in jedoch noch weitere zweihundert Jahre warten sollen.

Der vielgepriesene Erfolgsautor, dessen ormgeschwängerter Ruhm ihm in den letzten Jahrzehnten über das erträgliche Maß hinaus zu Kopfe gestiegen war, sucht einen Antrieb, um aus dem wohlgefälligen Leben auf der Lindwurmfeste ausbrechen und wieder vernünftig schreiben zu können. Ein sonderbares Manuskript gibt ihm diesen Anreiz und zugleich den Grund, erneut nach Buchhaim zu reisen. Dem mythenmetzerfahrenen Leser wird die Parallele zu seinem ersten Besuch in der Bücherstadt sicher sofort auffallen.
Was folgt, ist jedoch mitnichten eine adäquate Fortsetzung seiner wirklich imposanten Erzählung des ersten Besuchs, sondern vielmehr ein moderner Reiseführer durch die nach dem Inferno wiedererrichtete Stadt. Das bereits im Titel erwähnte Labyrinth der Träumenden Bücher wird von ihm zwar wieder und wieder in ängstlichen, paranoiden, zum Teil sogar heroisierenden Rückblenden erwähnt, betreten wird es von Mythenmetz jedoch nicht.
So bleibt der Roman trotz Mythenmetz‘ typisch brillanten Stils über weite Strecken recht ereignislos. Auf den erbitterten Feind, den sich der Dichter gleich beim Betreten der Stadt macht, wartet man über sehr lange Zeit vergebens. Bei der Schilderung des Stückes im Puppaecircus Maximus merkt man, bei aller Faszination für die Mechanik der Puppen, dass Mythenmetz zu diesem Zeitpunkt noch nicht über seine Selbstverliebtheit hinaus gekommen ist – die stilistisch doch recht plumpe Wiederholung der Ereignisse in Die Stadt der Träumenden Bücher mag für neue Leser hilfreich sein, ist für Kenner jedoch zu lang. Angesichts der Tatsache, dass es sich beim vorliegenden Buch lediglich um ein Kapitel des Originals handelt, ist wohl auch davon auszugehen, dass kaum jemand den ersten Teil nicht kennt. Zumal jedes Kleinkind in Zamonien die Ereignisse in Buchhaim in der Schule lernt.
Einige Ungereimtheiten haben sich ebenfalls eingeschlichen. So behauptet Mythenmetz zu Beginn noch rundheraus, seine Werke nach Setzen des Schlusspunktes nicht einmal mehr Korrektur zu lesen, schiebt jedoch später das aufwändige Lektorat der Druckfahnen als Ausrede für seine unzureichenden Kenntnisse der zamonischen Gegenwartsliteratur vor. Hier kommt man wohl der Trägheit des erfolgsverwöhnten Dichters auf die Schliche.
Dem Übersetzer Walter Moers ist hingegen kein Vorwurf zu machen. Ihm ist wieder einmal eine hervorragende Übersetzung aus dem Zamonischen gelungen, die über manche ormarme Passage von Mythenmetz hinwegtröstet. Ein Effekt, der nicht nur Moers‘ Sprachfertigkeit, sondern auch seinen brillanten Illustrationen anzurechnen ist. Sogar Mythenmetz‘ im Original kaum lesbare handschriftliche Notizen zu den Spielarten des Puppetismus wurden von Moers übertragen und – leserfreundlich gekürzt – transkribiert. Eine wahre Fleißarbeit! Übel anrechnen muss man ihm wohl lediglich den alten und billigen Verlegertrick, das enorme Textkonvolut Mythenmetz‘ auf zwei Bände aufzuteilen, wovon der zweite noch nicht erschienen ist. So ist der geneigte Leser förmlich gezwungen, den in Bälde erscheinenden zweiten Band zu erstehen, wenn er wissen möchte, was denn nun wirklich im Labyrinth der Träumenden Bücher passiert ist.

Mythenmetz, Hildegunst von: Das Labyrinth der Träumenden Bücher. Aus dem Zamonischen übertragen und illustriert von Walter Moers. München: Albrecht Knaus 2011, 24,99 Euro.

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